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In Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein...

von Angelika Flock

 

So beginnt eines der bekanntesten Weihnachtslieder, die Volksweise von Friedrich Spee aus dem Jahre 1638. Weihnachten, das Fest der Liebe und Freude, vor allem aber das Fest der Geburt Jesu unseres Heilands. 

Aber nicht nur zu Weihnachten ist es eine große Freude, wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt. Jede Mutter, jeder Vater, jede Familie weiß, welch ein Wunder mit der Geburt eines Kindes geschieht.

Und welch eine Beruhigung ist es für jede werdende Mutter, wenn sie weiß, sobald die Wehen losgehen, ist die nächste Geburtsstation nicht weit. Und dort von Hebammen und Ärzten gut versorgt zu sein, ist die beste Voraussetzung für eine gute Geburt. Aber leider, immer mehr verschwinden kleine Geburtsstationen – auch bei uns in der Region, auch bei uns in der Stadt.

Es war großartig und mutig von unserer Landrätin Andrea Jochner-Weiß, unseren Kreisräten und der Krankenhaus GmbH, vor ca. drei Jahren eine gynäkologische Fachabteilung mit Geburtsstation ins Leben zu rufen! Politik und Krankenhaus GmbH waren bereit, sich die Versorgung der werdenden Mütter etwas kosten zu lassen. Unsere Frauen vor Ort hatten  - bis vor kurzem – das große Glück, ganz beruhigt der Geburt ihres Kindes entgegen zu sehen. Der Weg war kurz, die Versorgung rund um die Uhr an jedem Tag im Jahr gewährleistet. Unsere Geburtsstation hatte Leuchtturmcharakter in ganz Bayern, selbst Ministerpräsident Seehofer legte sein Augenmerk auf unseren Weilheimer Kreißsaal.

Doch leider, dann kam das Aus. 

Akuter Hebammenmangel machte die gesicherte Versorgung der Gebärenden nicht mehr möglich. Leider hat es der Berufsstand der Hebammen immer schwerer. Es müssen hohe Versicherungssummen geleistet werden und die erst kürzlich getroffene Entscheidung, dass Hebammen nur noch die Betreuung von maximal zwei Schwangeren gleichzeitig abrechnen dürfen, ist für die Hebammen fatal.

Die ärztlichen Geburtshelfer haben es auch nicht leichter: Enorm hohe Versicherungsprämien und die Gefahr, für vermeintliche Geburtsfehler verklagt zu werden, hält doch so manchen Gynäkologen von der praktizierenden Geburtshilfe ab. Es ist folglich schwer, für die Krankenhäuser das entsprechende Fachpersonal zu bekommen.

Aber eine noch fast größere Krux ist, dass sich die Geburtsstationen nicht rechnen - zu hohe Kosten bei zu wenig Einnahmen. Also liegt es nahe, sich von Unrentablem zu lösen und die Kreißsäle zu schließen.  Doch was für die Kliniken eine finanzielle Erleichterung bedeutet, heißt für werdende Mütter: volle Kreißsäle, lange Wege und schlechte Betreuung während und nach der Geburt.

Das Ganze ist paradox: Obwohl die Geburten in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren von 50.000 Neugeborenen auf mittlerweile 740.000 Babys im Jahr gestiegen sind, werden immer weniger kleine Kreißsäle betrieben.

Gab es 1991 noch 1186 Kreißsäle,  waren es Ende 2015 nur noch 709. Das ist ein Rückgang von 40 Prozent.

Eine bedenkliche Situation: Die Geburtsstationen auf dem Land schließen und Frauen aus den ländlichen Regionen werden gezwungen, in die Kliniken der Großstädte zu kommen. Dort sind aber die Kreißsäle überfüllt,  es herrscht Platzmangel, die Frauen kennen niemanden und die Angehörigen haben es schwer, Mutter und frischgeborenes Baby zu besuchen. Immer wieder kommt es bereits vor, dass Frauen wegen überfüllter Kreißsäle nicht aufgenommen werden können.

Und dennoch zeichnet sich ein klarer Trend ab: die Zentralisierung der Geburtsstationen. Der Grund ist eindeutig, nämlich große Geburtsstationen lassen sich deutlich besser finanzieren. 

Die Vermutung liegt nahe, dass eine berechenbare und planbare Geburtshilfe das Ziel ist. Eine natürliche, dabei aber zeitaufwendigere Geburt kostet deutlich weniger als der geplante Kaiserschnitt und bringt für die Klinik einen erheblich höheren Ertrag.

 

Der Hauptgeschäftsführer  der deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Georg Baum ist ebenfalls der Ansicht, dass eine normal verlaufende Geburt viel zu wenig honoriert wird und er hat deshalb Sorge, dass deswegen weitere kleinere Geburtsstationen schließen müssen.

Zwar gibt es sogenannte Sicherstellungszuschläge, mit der wichtige Stationen von Krankenhäusern staatlich unterstützt werden. Doch Geburtenabteilungen werden durch diese nicht unterstützt.  Baum erklärt im November 2016 anlässlich des Beschlusses des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zu den Sicherstellungszuschlägen für Krankenhäuser:

„Die von der Politik im Rahmen der Krankenhausreform zur Absicherung der medizinischen Grundversorgung – insbesondere im ländlichen Raum – eingeführten Sicherstellungszuschläge sind heute durch den Umsetzungsbeschluss des G-BA in die faktische Bedeutungslosigkeit befördert worden. (...) Besonders unverständlich ist, dass die besonderen Nöte vieler Kliniken bei der Aufrechterhaltung von Geburtsabteilungen nicht berücksichtigt werden. Das Sterben der Geburtsstationen droht damit weiterzugehen. Das von der Politik vorgesehene Instrument wird nicht genutzt.“

Nicht nur Georg Baum, sondern auch eine ganze Allianz von bayerischen Bürgermeistern fordert die Politik auf, die medizinische Grundversorgung und insbesondere den Erhalt der kleineren Geburtsstationen im ländlichen Raum zu gewährleisten. 

An die 50 Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus ganz Bayern haben sich in dieser Allianz zusammengeschlossen, um gemeinsam für dieses Ziel zu kämpfen. Auch Weilheim ist dieser Allianz beigetreten.

Unser Appell geht klar nach Berlin zum Erhalt der dezentralen kommunalen Krankenhäuser und insbesondere zum Erhalt der kleineren Geburtsstationen.

Damit auch die Bürgerinnen und Bürger vor Ort und unsere werden Mamas rundum gut versorgt sind. Und es soll doch auch weiterhin Weilheimer Kindln geben, analog zu Spees Volksweise: „ In Weilheim hier geboren ist uns ein Kindelein...“

 

NEUE INFOS ZUM THEMA:

In der Kabinettssitzung vom 21. November 2017 hat der Ministerrat ein neues Förderprogramm verabschiedet, das die Geburtshilfe im Freistaat auch künftig auf hohem Niveau flächendeckend zur Verfügung stellt.

Das neue Programm besteht aus zwei Säulen: 

Die eine setzt direkt bei den Hebammen an. Geplant ist, den Kommunen für jedes neugeborene Kind pauschal eine Förderung zu gewähren, die dann für geeignete Maßnahmen zur Personalgewinnung und Personalbindung eingesetzt werden kann.

Die zweite Säule des Förderprogramms hat zum Ziel, defizitäre Geburtsstationen im ländlichen Raum finanziell zu unterstützen, unter der Bedingung, dass die Klinik mangels ausreichender Fallzahlen nicht kostendeckend arbeiten kann und die Kommunen oder der Landkreis ausgleichen müssen.

Die Berufe der Beleghebammen und ärztlichen Geburtshelfer sollen wieder attraktiver werden. Für Hebammen wurde bereits zur Reduzierung des Haftpflichtprämienbeitrages der Regress von Sozialversicherungen auf Fälle des Vorsatzes und der groben Fahrlässigkeit begrenzt. Bayern setzt sich beim Bund für eine haftungsrechtliche Gleichbehandlung von Belegärzten in der Geburtshilfe ein. 

Weiter fordert Bayern vom Bund, dass rechtlich klar gestellt wird, wie die Übernahme von Haftpflichtversicherungsprämien durch die Krankenhäuser funktioniert und dass eine Möglichkeit eingeräumt wird, die Haftpflichtversicherungsprämie durch eine gesetzliche Pflichtversicherung für alle Gesundheitsberufe oder eine Versicherung bei öffentlich-rechtlichen Institutionen zu reduzieren.

Erste Schritte in die richtige Richtung sind getan. Bayern geht einen eigenen Weg. Beste Voraussetzung für Weilheimer Kindl.